Published on GewerkschafterInnen und Antifa gemeinsam gegen Dummheit und Reaktion (http://gewantifa.antifa.net)
Gegen den deutsch-nationalistischen Taumel: Was hat die Olympiade 1936 mit der WM 2006 zu tun?

Gewerkschafterinnen und Antifa gemeinsam gegen Dummheit und Reaktion, Flugblatt Nr. 12, Juni 2006:

Gegen den deutsch-nationalistischen Taumel:

Was hat die Olympiade 1936 mit der WM 2006 zu tun?

Über den Unterschied von „gleichsetzen" und „vergleichen"

Im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist ein nationalistischer Taumel inszeniert worden, wie er in den letzten Jahrzehnten so noch nicht da war.  Noch nie wurden so viele schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt und noch nie gab es so viel „Deutschland“-Gebrüll wie dieser Tage. Wir erklären daher ganz bewusst Das ist der richtige Zeitpunkt, um an die Nazi-Olympiade 1936 zu erinnern

Wir wissen, dass da sofort der Einwand kommt „Aber ihr könnt doch nicht die Nazi-Olympiade vor 70 Jahren und die WM heute gleichsetzen!" In der Tat gibt es gewichtige Gründe, warum es ganz falsch wäre, die Verhältnisse in Deutschland 1936 und 2006 gleichzusetzen Zugleich gibt es allerdings gewichtige Grunde, warum wir die Nazi-Olympiade 1936 und die WM 2006 durchaus vergleichen können und vergleichen müssen  „Vergleichen" ist nicht dasselbe wie „gleichsetzen"'.  Es geht darum festzustellen, was tatsächlich unterschiedlich ist und was - auf diese oder jene Weise - sehr wohl vergleichbar ist.

Der Hauptunterschied ist unzweifelhaft In Deutschland herrscht heute keine nazi-faschistische Diktatur Die heutigen Zustande in Deutschland mit den Verhältnissen 1936 gleichzusetzen, bedeutet objektiv den Nazi-Faschismus zu beschönigen und zu bagatellisieren, der die bisher größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte verübt hat bis hin zum industriell organisierten Völkermord an den Juden sowie an den Sinti und Roma

Wer 1936 in Deutschland gegen die Nazi-Olympiade protestierte, war unmittelbar bedroht von Gefängnishaft oder Einlieferung in ein KZ. von Folter oder gar Ermordung  Damals gab es keinerlei legale Möglichkeiten des Protests Heute dagegen gibt es legale Möglichkeiten gegen die „deutschen Verhältnisse" zu demonstrieren und zu protestieren. Wir betonen diesen Unterschied wohl wissend, dass der antifaschistische Widerstand, der Kampf der Flüchtlinge und die Solidarität mit ihnen, die Proteste gegen die Kriegspolitik der Bundeswehr, ja auch die Proteste gegen Hartz IV usw. immer wieder und mit steigender Tendenz mit polizeistaatlichen Methoden unterdruckt und kriminalisiert werden  Dieser Unterschied bedeutet für uns insbesondere, dass wir ohne Ausreden alle Möglichkeiten nutzen müssen, die wir heule (noch) haben, um gegen Dummheit und Reaktion anzukämpfen'

Zwischen der WM 2006 und der Nazi-Olympiade gibt es unserer Meinung nach mehrere Parallelen

Erstens: „Brot und Spiele"  Das war schon ein Herrschaftsmanöver der Machthaber in Rom vor annähernd 2000

Jahren. In Rom herrschten für die armen Massen verheerende Zustande Davon wollten die römischen Machthaber ablenken. Um einen großen Teil der Bevölkerung bei „Laune" zu halten, für „Kurzweil" und „Abwechslung' zu sorgen, ließen sie daher im Kolosseum in Rom aufwendige „Spiele" inszenieren, ausgestattet mit den jeweils neuesten technischen Raffinessen Teilweise wurde dabei auch Brot in die Menge geworfen - daher die Bezeichnung „Brot und Spiele", das ist ein Aspekt, der bei der Nazi-Olympiade 1936 eine wichtige Rohe spielte ebenso wie bei der WM 2006

- Die Nazi-Faschisten gingen nach 1933 nicht nur den Weg, die antinazistisehen Kräfte mit blutigem Terror zu vernichten Zugleich bemühten sie sich, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung hinter sich zu bringen, was ihnen in einem hohen Maß auch gelang Aufgabe des schon am 11  März 1933 gegründeten Nazi-Propaganda-Ministenums mit Goebbels an der Spitze war, „das ganze Volk dem neuen Staat zu gewinnen" Gleichzeitig war den Nazis auch wichtig, der Weltöffentlichkeit zu imponieren

Mit einer Propaganda-Offensive zur Olympiade wollten die Nazis von der Realität des zunehmenden Nazi-Terrors in Deutschland und von den fieberhaften deutschen Kriegsvorbereitungen ablenken Um die immer brutalere Unterdrückung und Verfolgung jüdischer Menschen in Deutschland zu vertuschen, ließen die Nazis für die Dauer der Olympischen Spiele die Schilder mit Aufschriften wie „Juden unerwünscht" entfernen Um die „Optik" nicht zu stören, gaben die Nazis gar die Anweisung., Politische Gefangene und Insassen der KZ dürfen unter keinen Umstanden zwischen dem 1 Juli und dem 1 September auf offenem Felde arbeiten "Tatsachen waren aber Zur Zeit der Olympiade wurde nur wenige Kilometer von Berlin entfernt das KZ Sachsenhausen errichtet Alle Sinti und Roma

Berlins wurden vor Beginn der Nazi-Olympiade in ein Zwangslager in Berlin-Marzahn gesperrt, von wo sie später zumeist in Vernichtungslager deportiert wurden (siehe genauer „Kein Vergessen - 70. Jahrestag der Errichtung des Sinti und Roma Zwangslagers in Berlin-Marzahn", hrgg  vom Bündnis - Kein Vergessen, Berlin 2006.) Noch während die Nazi-Olympiade im Gange war, machte sich die „Legion Condor auf den Weg nach Spanien, um dort die Franco-Faschisten zu unterstützen und die neuesten deutschen Kriegsgeräte zu erproben

-        Die Realität in Deutschland 2006 ist nicht identisch mit der Realität in Deutschland 1936, gewiss Vergleichbar ist
aber, dass mit dem WM-Spektakel unter dem Motto „Zu Gast bei Freunden" die Aufmerksamkeit eben von der
heutigen Realität „deutscher Verhältnisse" abgelenkt werden soll Von den über 135 Nazi-Morden seit 1990, vom
tag täglichen und immer weiter zunehmenden Nazi-Terror gegen alle von den Nazis als „undeutsch" hingestellten Menschen, vom mörderischen staatlichen Abschiebungsterror, durch den in den letzten 12 Jahren Über 300  Menschen zu Tode kamen, von der Verschärfung der staatlichen Schikanen und Hetze gegen „Ausländer" überhaupt, von der Bedrohung, den Übergriffen und Beleidigungen gegen jüdische Menschen, von der weiteren Verschärfung des Sozialabbaus, von drohenden Massenentlassungen wie jetzt bei VW, und nicht zuletzt von der deutschen Kriegspolitik, z  B von dem bevorstehenden Bundeswehr-Einsatz im Kongo, der nicht zufällig am 10 Juli, also einen Tag nach dem Ende der WM starten soll

Zweitens: Die Methode der groß angelegten Massen manipulalion

Die Nazi-Olympiade wurde mir den damals modernsten Mitteln als gigantisches Propaganda-Spektakel inszeniert, das einen regelrechten „Olympiarausch" erzeugen sollte und auch erzeugte  Häuser und Straßen waren „geschmückt" mit Nazi-Fahnen  Im Mittelpunkt stand das eigens für diesen Zweck gebaute so genannte „Olympia-Stadion" mit 100 000 Platzen und seiner Ehrentribüne für Hitler und andere Nazi-Verbrecher. Aus Flakwerfern wurde ein „Lichtdorn" aus 36 Flakscheinwerfern installiert Mit einer Fläche des „Reichssportfeldes" von über 120 Hektar wollte das Nazi-Regime die Bevölkerung beeindrucken und weltweit seine Macht demonstrieren Rund drei Millionen Besucherinnen nahmen direkt teil, Millionen wurden vor allem über den Rundfunk einbezogen Die Nazis ließen von der Nazi-Filmemacherin L  Riefenstahl den Propaganda-Film „Fest der Völker drehen

Bei der WM 2006 hat die „moderne" Massenmanipulation einen neuen Höhepunkt erreicht Mit Fernsehsendern, Zeitungen, Großleinwand-Übertragungen für Hunderttausende wird über mehr als einen Monat ein nahezu allgegenwärtiger Zugriff auf nahezu die gesamte Bevölkerung erreicht Unübersehbar wurde die Parallele bei der gigantomanischen Licht-Show in Frankfurt zu Beginn der WM. welche direkt an den "Lichtdom" von 1936 erinnerte

Gleichzeitig dient die WM aber auch dazu, die polizeistaatliche Überwachungsmethoden immens zu verstärken, mittels Überwachungskameras, neuer elektronischer Mittel, exzessivem Hubschraubereinsatz usw.

Drittens Offensive des Nationalismus, der „Volksgememschafts"-Ideologie Damit kommen wir zur wahrscheinlich gewichtigsten und erschreckendsten Parallele von 1936 und 2006

Mit der Entfesselung des deutschen Nationalismus rund um die .deutschen Siege" bei Olympia banden die Nazis große Teile der werktätigen deutschen Bevölkerung mit Hilfe der „Volksgemeinschafts"-Ideologie noch fester an sich und brachten sie für ihre aggressiven, Völkermorden sehen Ziele hinter sich  Für „Stimmung" im Stadion sorgten immer wieder das "Horst-Wessel-Lied" und das , Deutschlandlied" mit seinem „Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt!"

Und 2006? Nach der nationalistischen „Du bist Deutschland"-Kampagne mit ihrem aus der Zeit des Nazi-Faschismus stammenden Motto wird die WM sehr bewusst und gezielt für eine weitere Offensive der Ideologie der „Volksgemeinschaft" benutzt Beschworen wird das deutsche „Wir-Gefühl" „Wenn die Autos mit den Fahnen durch die Straßen fahren Das ist etwas, was vereint",  tönte etwa Klinsmann (Passauer Neue Presse. 14 6.06) Angeblich ist das ein „ganz neuer", "unverkrampfter Patriotismus, einer, der angeblich keinem was zu leide tut und sich angeblich gegen niemanden richtet - angeblich! Vergessen wir nicht. Als angeblich „ungefährlich" und .friedlich" wurde bereits 1939 der „neue deutsche Patriotismus" bezeichnet  Dieser zeigte sehr rasch seine wahre Fratze, zum Schrecken und als Bedrohung aller „Nichtdeutschen" bzw. aller als „undeutsch" geltenden Menschen in Deutschland

Die Aggressivität des schwarzrotgoldenen Nationalismus richtet sich aktuell direkt auch gegen alle, die es wagen, in Wort und Tat dem nationalistischen Taumel entgegenzutreten Als vor der WM aus den Reihen des DGB eine Kritik des Deutschlandliedes veröffentlicht wurde, brach ein wahrer Sturm der „patriotischen" Entrüstung los Weiterhin gegen Studien gebühren protestierende Studentinnen wurden ebenfalls als Art „vaterlandslose Gesellen" hingestellt, welche die Show der nationalen „Einheit" nur stören würden Sie bekamen und bekommen immer starker die Polizei-Knüppel zu spuren - aber natürlich so, dass die WM-Öffentlichkeit davon möglichst nichts mitkriegt

Nach außen ist der deutsche Nationalismus die aggressive, kriegstreiberische Drohung gemäß der vom deutschen Kriegsminister verkündeten Devise „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt" So auch in Afghanistan, wo die deutschen Besatzungssoldaten angeblich, wie man Klinsmann verkünden ließ, ..einen Riesenjob" machen würden (spiegel online, 19. 6.2006) Auf diese Weise wird die WM gerade auch genutzt, um der imperialistischen deutschen Außenpolitik den Rucken zu starken und breite Unterstützung in der Bevölkerung zu sichern Als antimilitaristisch eingestellte Menschen wahrend der WM in Dusseldorf gegen ein militaristisches Gelöbnis demonstrieren wollten, wurden diese umgehend von der Polizei eingekesselt und ihr Demonstrationsrecht außer kraft gesetzt (junge welt, 1662006).

1936 riefen Di antinazistischen Kräfte in Deutschland unter Einsatz ihres Lebens zum Boykott der Nazi-Olympiade

auf Wenn wir heute als GewerkschafterInnen und Antifa gemeinsam gegen Dummheit und Reaktion angehen wollen, heißt das für uns?

•     dem nationalistischen Taumel entschieden entgegen treten, die dahinter stehenden reaktionären Interessen aufdecken.

*     solidarisch und fest an der Seile aller stehen die vom deutschen Nationalismus und von den „deutschen Verhältnissen" überhaupt betroffen und bedroht sind  Flüchtlinge, Menschen mit dunkler Hautfarbe, "Ausländer", jüdische Menschen, Sinti und Roma

Die Sondernummer der „Arbeiter Illustrierte Zeitung'' vom Juli 1936:

Ein Dokument der Entlarvung der Nazi-Olympiade,

das alle GewerkschafterInnen und Antifas heute kennen sollten

Die Kräfte des Widerstands gegen den Nazi-Faschismus veröffentlichten und verbreiteten innerhalb und außerhalb Deutschlands 1936/1936 eine Reihe von Materialien, um die nazi-faschistischen Manöver im Zusammenhang mit der Nazi -Olympiade 1936 zu entlarven und zu bekämpfen Herausragend ist die im Juli 1936 in Prag erschienene Sondernummer der „Arbeiter Illustrierte Zeitung" (AIZ). Diese Nummer ist gestaltet als ein „Führer durchs Land der Olympiade" für Besucherinnen aus anderen Ländern  Über sieben verschiedene "Reise-Routen' nach Berlin deckt die ALZ die furchtbare Realität des Nazi-Terrors in Deutschland auf Gezeigt wird, wo die KZs liegen, Papenburg, Borgermoor. Eslerwegen, Dachau    , und welche Verbrechen dort begangen wurden

Die AIZ entlarvt ganz besonders, in welchem Ausmaß 1936 der Nazi-Terror gegen jüdische Menschen ausgeübt wurde wie jüdische „Schutzhaftgefangene" gequält wurden, wie vor allem das Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer" zu antisemitischen Pogromen aufheizte und solche Pogrome auch durchgeführt wurden

Die AIZ enthüllt ebenso, wo welche Rüstungsproduktion stattfand. Hamburg wird als ein Zentrum einer großen Giftgas Produktion genannt, wo „die furchtbarsten Giftgase für den kommenden Krieg" produziert wurden. Als größter Rüstungfabrikant wird der - damals  wie heute  - in seiner  "Villa Hügel" thronende Rüstungsfabrikant Krupp angeprangert, der nach dem 2 Weltkrieg als Kriegsverbrecher angeklagt war, aber dann bekanntlich rasch wieder über seinen Besitz verfügen und „weiter machen" konnte als ob nichts gewesen wäre

Immer wieder wird auch gezeigt, wo sich bedeutende Militär-Standorte befanden, so etwa in Münster für geplante Operationen gegen Holland und gegen England, so im damals zum deutschen Staatsgebiet gehörenden Schlesien gegen Polen, gegen die Tschechoslowakei und gegen die Sowjetunion     Dresden wird als ..Zentralstelle der getarnten Nationalsozialisten der Tschechoslowakei" angeprangert, wo es auch schwere antisemitische Ausschreitungen gab

Die AIZ weist die Besucherinnen darauf hin, dass in Berlin wie

im gesamten Land auch scheinbar nicht militärische Dinge militärischen Gesichtspunkten untergeordnet wurden, dass z.B. auch das "Olympische Dorf" der Heeresverwaltung gehörte und nach dem Ende der Nazi-Olymp lade eine Kaserne wurde

Die AIZ zeigt, was sich in Berlin, der „Stadt der Olympiade",  hinter der „friedlich-freundlichen' Fassade verbarg Das Foltern und Morden der Gestapo in der Prinz-Albrechtstraße, der Sitz des Generalstabs, der die Plane für den Eroberungskrieg ausarbeitete, die Kriegsproduktion und das KZ Oranienburg nahe bei Berlin

stark verkleinerten Auszug - eine „Übersichtskarte aber die Sehenswürdigkeiten für den Olympiafahrerin Deutschland" Das deutsche Staatsgebiet in seinen damaligen Grenzen übersaht mit den Symbolen für Orte des Nazi-Terrors Konzentrationslager (K), Zuchthäuser und Gefängnisse (*) und Gerichtsgefängnisse (*)

Nachdruck der AlZ-Sondernummer  vom Juli  1936

16 Seiten, Preis: 1 € (als Briefmarken beilegen), zu beziehen über die Adresse auf S.4.


ErscheinungsDatum: 
Jun 2006
OrginalNummer: 
12
AnhangGröße
nr12.pdf [1]689.92 KB

Source URL (retrieved on Jan 9 2009 - 23:47): http://gewantifa.antifa.net/content/gegen-den-deutsch-nationalistischen-taumel-was-hat-die-olympiade-1936-mit-der-wm-2006-zu-tun

Links:
[1] http://gewantifa.antifa.net/files/nr12_0.pdf